Hormone oder nicht — warum diese Frage so emotional ist
Es gibt kaum ein Thema in der Perimenopause das so schnell zu Lagern führt.
Die einen schwören auf TCM und Pflanzenmittel. Die anderen sagen: ohne Hormonersatztherapie hätten sie ihr Leben nicht zurückbekommen. Und dazwischen — erstaunlich wenig Raum für Differenzierung.
Was mich beschäftigt ist nicht welche Seite recht hat.
Was mich beschäftigt ist warum diese Debatte überhaupt so aufgeladen ist.
Die Geschichte die bis heute nachwirkt
Um das zu verstehen muss man zurück in die frühen 2000er Jahre.
Die Women's Health Initiative — eine große US-amerikanische Studie — sorgte damals für Schlagzeilen. Hormone erhöhten angeblich das Risiko für Brustkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall.
Die Schlagzeile blieb. Was danach kam, nicht.
Was viele nie mitbekommen haben: die untersuchten Frauen waren im Durchschnitt deutlich älter als typische Perimenopause-Patientinnen. Viele hatten die Menopause bereits Jahre zuvor durchlaufen. Die eingesetzten Präparate waren nicht identisch mit den heute häufig verwendeten bioidentischen Hormonen. Und die Ergebnisse wurden später wesentlich differenzierter neu bewertet.
Die Angst blieb. Kulturell, kollektiv, hartnäckig.
Und sie beeinflusst bis heute wie Frauen über diese Entscheidung denken — und wie sie über die Entscheidungen anderer urteilen.
Warum "natürlich" kein medizinisches Argument ist
Es gibt eine unbewusste moralische Gleichung die ich ständig beobachte.
Natürlich gleich gut. Künstlich gleich schlecht.
Das klingt intuitiv richtig. Es ist aber wissenschaftlich Unsinn.
Giftpilze sind natürlich. Insulin ist nicht natürlich im Sinne von selbst produziert — rettet aber Leben. Ein künstliches Hüftgelenk ist auch nicht natürlich. Niemand zweifelt daran ob es sinnvoll ist.
Die eigentliche medizinische Frage lautet immer: hilft es? Ist es sicher? Überwiegt der Nutzen die Risiken?
Nicht: ist es natürlich?
Bei Hormonen wird diese moralische Ebene besonders stark aktiviert. Und das hat einen Grund der tiefer liegt als Wissenschaft.

Hormone berühren weibliche Identität
Das Thema ist emotional aufgeladen — weil es mehr berührt als Medizin.
Für manche Frauen löst die Vorstellung einer Hormontherapie etwas aus das sich anfühlt wie: mein Körper schafft es nicht allein.
Obwohl das biologisch gar nicht die richtige Beschreibung ist.
Niemand sagt bei einer Schilddrüsenunterfunktion: du solltest lernen ohne Thyroxin zu leben. Niemand wertet Insulinabhängigkeit moralisch.
Aber bei Östrogen und Progesteron passiert plötzlich etwas anderes. Da kommen Vorstellungen von Weiblichkeit, Altern, Natürlichkeit, Kontrolle und Selbstbild hinein. Da wird eine medizinische Entscheidung zu einer Aussage über die eigene Person.
Das erklärt warum die Debatte so hitzig wird. Es geht längst nicht mehr nur um Hormone.

Was über bioidentische Hormone wirklich bekannt ist
Hier ist Differenzierung wichtig.
Bioidentische Hormone gelten heute für viele Frauen als eine gute und häufig sichere Option. Aber sie sind nicht völlig frei von Risiken — wie jede wirksame Therapie.
Was der aktuelle Forschungsstand zeigt: viele der früheren Horrorszenarien waren deutlich überzeichnet. Insbesondere bei Frauen im typischen Perimenopause-Alter — also wenn die Therapie früh begonnen wird — fällt die Nutzen-Risiko-Bilanz häufig wesentlich günstiger aus als jahrzehntelang angenommen.
Das bedeutet nicht dass alle Frauen Hormone brauchen. Es bedeutet dass die pauschale Angst vor Hormonen wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist.
Und dass jede Frau — gemeinsam mit einer Ärztin ihres Vertrauens — diese Entscheidung auf Basis ihrer eigenen Situation treffen sollte. Nicht auf Basis von Schlagzeilen aus 2002.
Zwei sehr unterschiedliche Aussagen
Es gibt einen Unterschied den ich für wichtig halte.
Hormone sind super — das ist eine Meinung.
Ich habe alles versucht. Ernährung, Bewegung, Nervensystemarbeit. Und erst mit Hormonen wurde mein System wieder stabil genug dass all das wirklich greifen konnte — das ist eine Erfahrung.
Diese zwei Aussagen klingen ähnlich. Sie sind es nicht.
Frauen die nach langem Suchen zur Hormontherapie gefunden haben, propagieren meist keine Universallösung. Sie sagen im Kern: das war der Weg der mir ermöglicht hat überhaupt wieder handlungsfähig zu werden.
Das ist eine ganz andere Geschichte als Ideologie.
Und genau deshalb trifft es so tief wenn diese Erfahrung von außen bewertet oder abgewertet wird.
→ Mehr zur Nervensystembelastung in der Perimenopause: [Was Dysregulation bedeutet — und wie sie entsteht]
Was ich mir für diese Debatte wünsche
Keine Lager. Keine Moral. Keine Entscheidung über den Körper einer anderen Frau.
Wenn pflanzliche Mittel oder TCM ausreichen um Lebensqualität und Nervensystemstabilität zu erhalten — wunderbar. Das ist ein gültiger Weg.
Wenn das nicht reicht. Wenn das Nervensystem so stark feuert dass der Alltag kaum mehr funktioniert, der Schlaf weg ist, die Regulation zusammenbricht — dann sind Hormone für diese Frau keine Schwäche. Sie sind medizinische Notwendigkeit.
Beides ist wahr. Gleichzeitig. Für verschiedene Frauen.
Was ich in meiner Arbeit erlebe ist dass die ausgewogenste Haltung oft genau dort sitzt: wer ohne auskommt, wunderbar. Wer sie braucht, sollte dafür nicht beschämt werden.
Das ist keine Meinung über Hormone. Das ist Respekt vor dem Körper anderer Frauen.
→ Mehr zur psychologischen Begleitung in der Perimenopause: Perimenopause & Nervensystem — Begleitung Wien
Fazit
Diese Frage ist so emotional weil sie mehr berührt als Medizin.
Sie berührt Identität. Weiblichkeit. Das Bild das wir von uns selbst haben — und das wir von anderen erwarten.
Meine Haltung ist einfach: jede Frau kennt ihren Körper am besten. Und verdient Begleitung die das respektiert — ohne Ideologie, ohne Moral, ohne Urteil.
Dein Weg ist gültig. Ihr Weg auch.
Verena Schlosser ist Klinische Psychologin, arbeitet mit Hypnose nach Milton Erickson und ist Personal Trainerin in Wien. Sie begleitet Frauen in 1:1 Prozessen an der Schnittstelle von Körper, Nervensystem und Psyche.
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